Kommt da noch was, liebe Buchmesse?

Noch immer beschäftigen mich die Ereignisse rund um den Auftritt politisch weit rechts orientierter Verlage enorm, die in diesem Jahr die Wahrnehmung der Frankfurter Buchmesse entscheidend geprägt haben. Die Auseinandersetzungen, von denen berichtet wurde, waren dabei nur das Symptom des eigentlichen Problems, das weit im Vorfeld der Schlägereien, gegenseitigen Beschuldigungen und Niederbrüll-Aktivitäten liegt: Ausgerechnet die Buchmesse und der Börsenverband des deutschen Buchhandels, die für sich unter anderem mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels selbst eine moralisch hohe Integrität reklamieren, lassen mit dem Schlagwort der „Meinungsfreiheit” immer wieder Verlage mit zweifelhafter politischer Agenda zu.

Zunächst einmal gilt festzustellen: Verpflichtet ist die Buchmesse dazu nicht – im Gegenteil. Sie könnte, wenn sie denn wollte, Ausstellern jeder Art den Zutritt verweigern. Dass sie Verlage wie Antaios in ihre Hallen lässt, verbunden mit dem Wunsch, man möge sich aktiv mit den Agenden und politischen Botschaften dieser Verlage auseinander setzen, entspringt einer fast schon naiven Auffassung der „Meinungsfreiheit” – ein Schutzrecht des Individuums gegenüber dem Staat und der Zensur, sicherlich aber nicht gegenüber geschlossener Tore bei der Frankfurter Buchmesse.

Diese Forderung (unter anderem) der Messeverantwortlichen nach der Auseinandersetzung mit den Inhalten und Führungsleuten vom rechten Rand ist ohnehin einen genaueren Blick wert. Zunächst einmal ist daran wenig auszusetzen. Der Dialog, Rede und Gegenrede, ist in der Demokratie die grundsätzliche Basis, darüber kann es keine zwei Meinungen geben. Keiner kann etwas gegen ein Dialogangebot haben, wenn sich dieses an Menschen richtet, die Argumenten gegenüber offen sind – auch wenn diese derzeit vielleicht bei Pegida und ihren Ablegern mitlaufen, AfD wählen oder sich kritisch zu Themen wie Migration etc. äußern. Der demokratische Teil dieser Gesellschaft muss sich bemühen, diese Menschen zurück zu gewinnen – nicht nur durch Diskussion, sondern auch Reformen unserer Gesellschaft, vor allem unter sozialen Aspekten.

Was aber, wenn die „Gegenseite” gar nicht auf einen solchen Dialog/Streit aus ist, keinen Argumenten zugänglich ist, was wenn die Gegenseite stattdessen jede sich bietende Plattform nur nutzt, um möglichst vor großem Publikum zu provozieren, zu agitieren, zu indoktrinieren? Oder konkret: Warum sollten Identitäre, Kubitschek, Höcke und all die anderen überhaupt Interesse an einem solchen Dialog haben, wie die Buchmesse und einige andere, der rechten Szene gegenüber kritische Beobachter, ihn einfordern? Welche Ansatzpunkte in ihrem Verhalten lassen hoffen, dass dies irgendeine Art der Einflussnahme auf den rechten Rand bringen könnte. Nur um das klarzustellen, mit wem da „diskutiert/gestritten” werden soll, anstatt gegen diese Menschen lautstark zu protestieren. Mit Sellner, einem der Initiatoren von „Defend Europe” – der Mission der Identitären, die lieber Menschen im Mittelmeer ersaufen lassen als ihnen zu helfen. Mit Kubitschek, mit seinem „Institut für Staatspolitik” einem der einflussreichsten Vordenker und Wegbereiter der neuen Rechten, der zudem alles verlegt und auf der Buchmesse präsentiert, was nur ausreichend als „Fanservice” für den rechten Rand angesehen werden kann. Mit Höcke, dem Chefagitator der AfD, stets auf der Suche nach dem nächsten Tabubruch und sicher nicht nach einem gesellschaftlichen Konsens. Und natürlich mit ihren Handlangern und ihrem Gefolge, ihren Führern folgend.

Wie bitte ist die Buchmesse auf die absurde Idee gekommen, dass eine solche Auseinandersetzung auf der Messe funktionieren könne statt genau in dem zu enden, worin sie nun endete? Nämlich mit der perfekten Bühne vor den Augen der Welt für agitatorisch erfahrene Rechte, die Erfahrungen für Hetze, Provokation und Tatsachenverdrehung auf großer Bühne haben und zugleich bisher nicht erkennen ließen, dass sie eine Bereitschaft zur inhaltlichen Auseinandersetzung haben. Ihren Weg der gesellschaftlichen Auseinandersetzung haben Höcke, Identitäre und Co. dagegen mit Aktionen wie auf dem Brandenburger Tor, im Mittelmeer oder der Rede in Dresden deutlich gezeigt, während Menschen wie Kubitschek und Verlage wie Antaios oder Kopp, Veröffentlichungen wie „Junge Freiheit”, „Zuerst” oder international „Breitbart” gleichzeitig den publizistischen Boden für die Rechte bereiten, hetzen, manipulieren, spindoktern.

Wie soll ein Diskurs mit Menschen ablaufen, die unter dem Missbrauch des Siegels „Meinungsfreiheit” danach trachten, exakt diese einzuschränken bis abzuschaffen? Mit Menschen, die reihenweise solche Autoren und Journalisten bedrohen, die ihnen unliebsame Meinungen vertreten? Mit Menschen, die solche ihnen unliebsamen Meinungen als Resultate von gesteuerten Berichten einer staatlich kontrollierten „Lügenpresse” diffamieren, in der man nach der Machtübernahme aufräumen müsse. Mit Menschen, die danach trachten, genau das einzuschränken und zu unterbinden, was die Buchmesse eigentlich fördern möchte. Eine freie, aufgeklärte, humane Gesellschaft.

Eine brauchbare Erklärung hierzu lässt die Buchmesse bisher vermissen. Stattdessen rang man sich Stunden nach den Vorkommnissen gerade einmal zu einer wachsweichen und wertlosen Stellungnahme durch. Kommt da noch was, liebe Buchmesse? Erklärungen? Erkenntnis? Konsequenzen für 2018?

Verfasst von:

The one and only...